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Ostergeschichten
und -märchen
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Die Ostereier
( Christoph von Schmidt )
8. Die Krebse
- Seite 4 ( von 4 ) -
Sie legte ein aufrichtiges Geständnis ab, wie sie aus Begierde, eine ihr
neue Speise zu verkosten, für den Scharlach und etwas Geld die Krebse
eingehandelt habe.
So unzufrieden der Vater mit der Aufführung seiner Tochter war, so musste
er über Katharinas wohlverschuldeten Schrecken doch lachen, und auch die
Mutter konnte als eine erfahrene Köchin sich eines Lächelns über
den Irrtum ihrer Tochter nicht erwehren.
Der Vater wurde indes sogleich wieder sehr ernsthaft, nahm Katharinas bei der
Hand und sprach mit Nachdruck: Du hast wohl Ursache, dich über dein
Vergehen zu entsetzen; dein Schrecken aber über die rote Farbe der Krebse
ist ohne Grund. Du weißt nicht, dass alle Krebse, wenn man sie siedet,
rot werden, so wie einige Fische vom Sieden blau werden. Es ist dieses eine
wunderbare, aber gewöhnliche Naturerscheinung, die jedoch dir als etwas
höchst Ungewöhnliches und Außergewöhnliches vorkommen
musste. Allein so natürlich und gewöhnlich diese Erscheinung ist, so
ist doch ihr Eintreffen gerade in dem Augenblicke, da du Böses tatest,
eine Schickung Gottes, der alle, auch die kleinsten Dinge lenkt. Nimm also den
Schrecken, den diese Begebenheit dir verursachte, als eine Warnung von Gott. Du
hast sehr übel gehandelt, und es betrübt mich tief, dass du redlich,
wohlmeinende Ermahnungen deines treuen Vaters und deiner guten Mutter, ja die
Stimme deines Gewissens nicht geachtet und wieder den alten Fehler begangen
hast. Gott aber hat durch diese merkwürdige Schickung der Stimme deines
Gewissens mehr Nachdruck gegeben und dich auf sie aufmerksam gemacht; du sahest
in der unschuldigen roten Farbe hier deine Schuld und zittertest vor Gott
strafender Gerechtigkeit. Erkenne die Macht des Gewissens, dieser Stimme Gottes
in uns. Wer sündigt, muss - auch wider Willen - sie hören. Er
zitterte vor seinem eigenen Schatten und erschrickt vor einem rauschenden
Blatt. Überall erblickt er nur seine Schuld; er muss sich immer
fürchten und die ganze Natur wird ihm schrecklich. Ja der kleinste Zufall
kann ihn erschüttern und seine geheime Schuld an den Tag bringen. Handle
daher immer so, dass du dich vor Gott und Menschen nie zu fürchten hast,
so wird der vorübergehende Schrecken, den du hattest, dir einen bleibenden
Segen bringen für dein ganzes Leben.
Der Vater sah Katharinas Bestürzung, ihre Reue, ihren Ernst, sich zu
bessern, und erließ ihr die Strafe, die er ihr früher angedroht
hatte, die er aber nun nicht mehr für nötig hielt.
Wirklich erlosch auch der Eindruck, den die Begebenheit auf Katharina gemacht
hatte, nie mehr in ihrem Herzen. Nie veruntreute sie einen Pfennig; sie tat
sich alle Gewalt an, ihre Naschhaftigkeit zu bezwingen. Sie war mit den
gewöhnlichsten Speisen zufrieden, verlangte keine Leckerbissen, wollte nie
zu Unzeit essen, und ward überhaupt äußerst mäßig in
Speis und Trank. Als sie schon längst verheiratet, eine vermögende,
angesehene Bürgerfrau und eine glückliche Mutter und Großmutter
war, erinnerte sie sich noch des Schreckens, den ihr jene Krebse verursacht
hatten, und einst, als sie bei einer fröhlichen Mahlzeit war und eine
Schüssel voll den schönsten roten Krebse, mit frischen grünen
Sellerieblättern umlegt, aufgetragen wurde, erzählte sie die
Begebenheit ihren horchenden Enkeln.
Am Ende der Erzählung fügte sie noch bei: Die Krebse gehen sonst
rückwärts, wie man denn auch von verschwenderischen Leuten, die in
ihrem Hauswesen zurückkommen, zu sagen pflegt, es nehme mit ihnen den
Krebsgang. Mir aber haben die Krebse vorwärts geholfen; doch nicht den
Krebsen, sondern Gott, der sich der Krebse zu meiner Besserung bediente, habe
ich es zu danken, dass ich meine Gelüste beherrschen lernte, dass ich
jeder unordentlicher Begierde nach Speise und Trank, und überhaupt jede
Art von unmäßigem Aufwande vermied und so zu einem nicht geringem
Wohlstande, zu Glück und Segen gelangte.
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