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Ostergeschichten
und -märchen
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Die Ostereier
( Christoph von Schmidt )
5. Ein paar Eier mehr wert, als wenn sie von Gold wären
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Der Mann betrachtete das Ei sehr aufmerksam, und die Tränen drangen ihm in
die Augen. Mein Gott, sagte er, was da auf dem Ei steht, ist wohl recht wahr:
Vertrau auf Gott, er hilft in Not. Das habe ich jetzt erfahren. Mit
heißer Inbrunst flehte ich in diesem Abgrunde zu Gott um Hilfe, und er
hat mein Flehen erhört. Seine Güte sei dafür dankbar gepriesen.
Gesegnet seien die guten Kinder, die dir die paar Eilein schenkten. O sie
dachten wohl nicht, dass sie damit einem fremden Manne das Leben retten
würden! Gesegnet sei die gute Frau, die auf diese Ei hier den
tröstlichen Reim schrieb.
Liebster Fridolin! fuhr er fort, gib das Ei mir. Ich will es aufheben, damit
ich den schönen Spruch, der sich an mir so schön bewährte, immer
vor Augen haben kann. Ja, meine Kinder und Kindeskinder sollen noch im
Vertrauen auf Gott gestärkt werden, so oft sie das Ei erblicken und den
Spruch lesen. Vielleicht erzählen nach hundert Jahren meine Urenkel noch
davon, wie wunderbar Gott ihren Urgroßvater durch ein paar Eier vom
Hungertode errettet habe. Ich will dir für die Eier etwas anderes geben.
Er zog seinen Geldbeutel heraus, und gab ihm für jedes Ei, das er gegessen
hatte, ein Goldstück - für das Ei mit dem schönen Reim aber
zwei. Fridolin wollte ihm das Ei zwar nicht lassen. Der Mann aber bat so lange,
bis er es ihm gab. Doch sieh, sagte der Mann jetzt, indem er an der Felswand
hinaufblickte, es will Abend werden, und die Felsen und Gesträuche da oben
schimmern in der Abendsonne schon wie rotes Gold. Versuch es doch einmal, mir
auf das Pferd zu helfen. Der Weg, auf dem du herkamst in diese
fürchterliche Schlucht, wo die Sonne nie hineinscheint, lässt mich
doch einen Ausgang hoffen.
Fridolin half ihm auf das Pferd und führte es am Zügel. Sie kamen
durch den Hohlweg mit vieler Mühe, aber dennoch glücklich herauf. O
wie sich da der Mann freute als er die Sonne wieder erblickte, und Wald und
Gebirge umher, von ihren glühendroten Strahlen herrlich beleuchtet sah! Zu
meinem Vetter, sagte Fridolin, kommen wir jetzt wohl noch! Ich gehe einen
starken Schritt und euer Pferd bleibt gewiss nicht zurück. Der Vetter wird
euch mit Freuden aufnehmen. Er ist ein braver Mann, ihr findet nicht nur eine
gute Nachtherberge, sondern sicher auch, bis ihr wieder hergestellt seid, eine
liebliche Pflege.
Mit anbrechender Nacht kamen sie vor der Wohnung des ehrlichen Steinhauers an.
Er nahm den Edelknecht mit Freuden auf, und klopfte seinem jungen Vetter
Fridolin auf die Schulter, dass er so brav und gut gehandelt habe. - Fridolin
trug seine Bedenklichkeiten vor, dass er nicht Wort halten, und seiner Mutter
und seinen Geschwistern die gefärbten Eier nicht senden könne. Ach
was, Eier, sagte Fridolins Vetter, ich weiß zwar nicht, was du alles von
roten und blauen und bunten Eiern daher schwatzest, oder was diese Eier von
andern Vogeleiern, deren viele gewiss noch weit schöner und zarter bemalt
sind, besonders haben sollen; aber wären sie doch auch pures Gold, so
wären sie dennoch wohl aufgezehrt, da nun der brave Mann hier nicht
Hungers sterben durfte, und du einmal ein braver Kerl wirst. Du hast gehandelt,
wie der wohltätige Samariter - und ich will nun den Wirt machen. Aber
bezahlen darfst du mir nichts, setzte er noch lächelnd hinzu. Hörst
du?
Der Edelknecht zeigte das Ei mit dem Spruche. Es ist wunderschön, sagte
der Vetter zu Fridolin. Indes lass ihm's nur, das Gold da wird deiner Mutter
lieber sein. Komm, ich will es dir auswechseln! Der Jüngling erstaunte
über die Menge Münzen, die er dafür bekam, denn er hatte das
Gold nicht gekannt, weil er noch nie eines gesehen hatte. Ja, das gelbe Gold
war ihm sogar etwas verdächtig vorgekommen. Sieh, sagte der Vetter, auch
an deiner Mutter wird der Spruch wahr: Gott hilft in der Not! Der Spruch ist
mehr wert als all das Geld. Es ist indes gut, dass man den Spruch auch ohne das
Ei merken kann. Vergiss ihn daher dein Leben lang nicht.
Der Edelknecht blieb so lange, bis er ganz gesund war, und beschenkte, ehe er
aufsaß, noch alle im Hause reichlich.
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