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Ostergeschichten
und -märchen
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Die Ostereier
( Christoph von Schmidt )
4. Das Fest der gefärbten Eier, ein Kinderfest
- Seite 4 ( von 6 ) -
Wie die Jünger und Jüngerinnen Jesu, die über den Tod ihres
geliebten Herrn und Heilands voll Traurigkeit waren, ihn wieder gesehen haben,
und eine unbeschreibliche Freude hatten, so werdet auch ihr dereinst eure liebe
Mutter wiedersehen, ihr freundliches Angesicht nicht mehr vom Tode entstellt,
sondern von himmlischer Schönheit verklärt, wieder erkennen und auch
eure Freude wird unaussprechlich groß sein. O weinet daher nicht mehr!
Trocknet eure Tränen, und lasst uns fröhlich sein! Denn es ist eine
Auferstehung, ein ewiges Leben! Wir wollen uns darüber freuen, und Gott
loben und preisen. Alle frommen Christen auf der weiten Erde singen heute voll
Freude: Halleluja! Lobet den Herrn! In diesen Freudenruf wollen auch wir mit
einstimmen und freudig rufen: Halleluja!
Doch, sprach die Frau und stand auf, nun kommt mit mir! Sie führte die
Kinder zur Felsenwand, wo Kuno auf einem zierlichen mit feinem Kiesel
bestreuten Grunde, einen großen länglichen runden Tisch aufgestellt
hatte. Der Tisch war mit einem farbigen Teppich belegt. Rasensitze von jungem,
frischen Grün umgaben ihn. Die Kinder setzten sich rings um den Tisch, und
mitten unter ihnen Edmund und Blanda. Alle sahen freundlich und fröhlich
aus den Augen, und waren voll Erwartung der Dinge, die da kommen würden.
Es war wirklich ein ungemein lieblicher Anblick, den schönen Kreis von
gelb - und braunlockigen Köpfchen und alle die blühenden Gesichtchen
zu sehen. So schön ist kein Blumenkranz, sagte die Frau zu sich selbst,
und wäre er auch aus den schönsten Rosen und Lilien gewunden.
Nun wurde eine große irdene Schüssel voll heißer Milch
aufgetragen, darein Eier geschlagen waren. Jedes Kind hatte ein neues irdenes
Schüsselchen vor sich stehen. Jedes bekam nun seinen Teil, und ließ
sich's trefflich schmecken. Hierauf führte die Frau die Kinder durch eine
Seitentüre des Gartens in das kleine Tannenwäldchen, das an den
Garten stieß. Zwischen den jungen Tannen waren hie und da schöne
grüne Rasenplätze. Die Frau sagte den Kindern jedes solle aus Moos,
mit dem die Felsen und Bäume umher reichlich bewachsen waren, ein kleines
Nestchen machen. Sie gehorchten mit Freuden. Denjenigen Kindern, die nicht
zurecht kommen konnten, mussten die geschickteren helfen. Jedes musste sich
sein Nestchen wohl merken.
Nun kehrte die Frau mit den Kindern wieder in den Garten zurück. Aber
sieh! da erblickten sie auf dem Tische einen großen Kuchen von Eierbrot,
der wie ein großer gewundener Kranz gefaltet war. Jede bekam nun ein
großes Stück Kuchen. Indes nun die Kinder aßen, schlich Martha
mit einem großen Korbe voll gefärbter Eier heimlich in das
Wäldchen, und verteilte die Eier in die Nestchen, und die blauen, roten,
gelben oder bunten Eier nahmen sich in den zierlichen Nestchen von zartem,
grünlichen Moose ungemein schön aus.
Nachdem die Kinder genug gegessen hatten, sagte die Frau: Nun kommt, jetzt
wollen wir nach den Nestchen sehen. In jedem Nestchen lagen fünf
gleichfarbige Eier und auf einem derselben stand ein Reim. Was da die Kinder
für ein Freudengeschrei erhoben! Die Freude und der Jubel ging über
alle Beschreibung. - Rote Eier! Rote Eier, rief das eine, in meinem Nestchen
sind lauter rote Eier. Und in dem meinigen sind blaue, rief ein anderes, o alle
so schön blau, wie jetzt der Himmel. Die meinigen sind gelb schrie ein
drittes, noch viel schöner gelb, als die Schlüsselblümchen oder
der hellgelbe Schmetterling, der dort fliegt. Die meinigen rief das vierte,
haben gar alle Farben. O dass müssen wunderschöne Hühner sein,
rief ein kleine Knabe, weil sie so schöne Eier legen. diese möchte
ich einmal sehen. Ei, sagte Martha's Schwesterchen, die Hennen legen freilich
keine so schönen Eier. Ich glaube gar das Häschen hat sie gelegt, das
aus dem Wachholderbusche heraussprang und davon lief, als ich dort das Nestchen
bauen wollte. Und alle Kinder lachten zusammen, und sagte im Scherze, der Hase
lege die bunten Eier. Dieser Scherz hat sich in manchen Gegenden bis auf unsere
Zeiten erhalten.
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