Ostergedichte auf Ostern.eu: Am Dienstag in der Karwoche
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Am Dienstag in der Karwoche

( Annette von Droste Hülshoff )

Evang.: Von der Nächstenliebe. (Matth. 22, 34-40.)

"Gleich deiner eignen Seelen
Sollst du den Nächsten lieben!"
O Herr, was wird noch fehlen,
Bevor dein Wort erfüllt!
So muss denn all mein Denken,
Mich rettungslos betrüben;
Wie sich die Augen lenken,
Steht nur der Torheit Bild.

Mein Herr, ich muss bekennen,
Dass, wenn in tiefsten Gründen
Oft meine Sünden brennen,
Mich diese nie gequält;
So ist denn all den Flecken,
Die meine Brust entzünden,
Des Übermutes Schrecken
Noch tötend beigezählt!

Und hast du mich verlassen,
Mein rügendes Gewissen,
Weil ich dich wie zu hassen
In meinen Ängsten schien?
O schärfe deine Qualen
Und lass mich ganz zerrissen,
Bedeckt mit blut'gen Malen,
Vor Gottes Augen glühn!

Sprich! Wolltest du mich trügen?
Und kann der Heller Klingen
Dein feiles Wort besiegen,
Die ich der Armut bot?
O Gold, o schnöde Gabe,
Die alles soll erringen,
So trägst du mir zu Grabe
Mein Letztes in der Not!

Wie oft drang die Versteckte,
Die Sinnlichkeit, zu spenden,
Wenn mich ein Antlitz schreckte,
Vom Elend ganz verzerrt;
Und musst' es bald entrinnen
Den arbeitslosen Händen,
Den ratlos irren Sinnen,
In Jammer ausgedörrt.

O Gold, o schnöde Gabe,
Wie wenig magst du frommen!
Magst läuten nur zu Grabe
Das letzte Gnadenwehn.
So hast du sondergleichen
Die Liebe mir genommen,
Dass ich kann lächelnd reichen,
Wo Gottes Kinder sehn.

Ihr Sinne, sprecht, ihr scheuen,
Was habt ihr euch entzogen?
Muss ich euch nicht alles freuen,
Was euch nur freuen mag?
In flatterndem Verlangen
Habt ihr die Lust gesogen,
Indes die Not vergangen
An eurem Jubeltag!

So hab' ich deine Pfunde
In Frevelmut vergeudet,
Und für der Armut Wunde,
War mir ein Heller gut!
Das wird an mir noch zehren,
Wenn Leib und Seele scheidet,
Wird kämpfen, mir zu wehren
Den letzten Todesmut.

Ich müsste wohl verzagen,
Ich habe viel verbrochen.
Doch da du mich getragen,
Mein Gott, bis diesen Tag,
Wo meiner Seele Grauen
In fremder Kraft gebrochen:
Wie soll sie denn nicht trauen,
Der ihre Bande brach!










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